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Ich erinnere mich ganz genau an den Titel des Aufsatzes
in der Primarschule „ die Schweiz im Herzen Europas“. Dieses Thema
wurde als Krönung der Geographiestunden bearbeitet. Die Schweiz wurde
an der Tafel mit rotem Hintergrund und weissem Kreuz markiert, während
die umliegenden Nationen nur umrissartig angegeben waren. Und dies
war auch das „Weltbild“, das ich noch für viele Jahre in mir getragen
habe: Europa (mit den östlichen Grenzen ungefähr bei Wien) und mittendrinn
die Schweiz. Nichts hatte diese Vision gestört, nicht einmal als ich
1970 heiratete und man mich auf dem Standesamt fragte ob mein Mann
denn noch „draussen“ (in Deutschland) wohne. So war das eben und so
sind wir manchmal noch.... |
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Doch langsam nahmen die Grauzonen der Landkarten Farbe
an, zuerst eigentlich in den Konzertsäälen: es war nicht mehr nur
Tschaikowski, was als Programmerweiterung geboten wurde, nun gab es
auch Rimskij-Korsakow, Skriabin ect. und schliesslich auch Schostakovic.
.... Später wurde das Reisen nach St. Petersburg und Moskau möglich,
ohne dass man sich als Verräter der eigenen Gesinnung vorkommen musste.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste sich zwangsmässig auch die Optik
mit der „Schweiz im Zentrum“ etwas adaptieren. |
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Und gleichzeitig begannen sich die Länder des Balkans
zu „indivualisieren“, d.h. sie nahmen für uns Gestalt an. Dies leider
meistens auf der traurigen politischen Ebene, die Folgen davon können
auch heute noch nicht aus der Erinnerung verdrängt werden. Dieses
Gebiet, seit jeher an der Peripherie von Europa mit verschiedensten
Völkergruppen: Osmanen, Griechen und auch das ehemalige habsburgische
Reich haben sich dort zu allen Zeiten verdroschen, es ist ebenso Randzone
der Religionsgemeinschaften: Muslime, Orthodoxe und Katholiken grenzen
sich noch immer streng gegeneinander ab. Das Kultur- und Sprachgemisch
bildet ein vielschichtiges und gegensätzliches Konglomerat, wie es
nirgendwo in Europa in dieser Konzentration anzutreffen ist. Von der
Schweiz aus habe ich diese Region nur unangenehm erlebt: sei es wegen
den schwer zu begreifenden politischen Wirren, sei es wegen mangelndem
„common sense“ der bis heute die internationalen Bühnen dieses Gebietes
auszeichnet, oder -und dies sind nun die persönlichen Erfahrungen-
auch wegen des häufig schwierigen täglichen Kontakt mit den Patienten
aus diesem Gebiet, die mir irgendwie unbegreiflich blieben. |
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So war es als der „Basler Förderverein für medizinische
Zusammenarbeit“ 2003 eine Gruppe erstmals in dieses Gebiet sandte,
um zu evaluieren, ob wir etwas zur medizinischen Versorgung und damit
zur Verbesserung der Lebensqualität an Ort beitragen könnten. Die
Wahl fiel -aus praktischen Gründen und mit Hilfe der Städtepartnerschaft
„Gemeinden Gemeinsam Schweiz“ (GGS)- auf ein südserbisches Dorf, etwa
halbwegs zwischen Belgrad und Montenegro. Viele Gegebenheiten bestärkten
uns in der Wahl der Oertlichkeit (u.a. Population zur Hälfte Moslems,
und zur Hälfte Orthodoxe, keine effektive Kriegsinvolvierung in der
Vergangenheit, etc.). Auch wenn Prijepolie nie Schauplatz des Kriegsgeschehens
gewesen ist, so hat der Krieg doch seinen Tribut gefordert, nie werde
ich die an der Strasse gelegenen endlosen Friedhöfe vor und hinter
den Dörfern auf der Reise dorthin vergessen, alle aus der neuesten
Zeit, manchmal grösser als die Dörfer selbst. |
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Seither hat der „Basler Förderverein für medizinische
Zusammenarbeit“ bereits mehrmals im zuständigen Spital Seminarwochen
organisiert, diese sind besonders wichtig, weil die Spannungen der
letzten Jahre eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, allein schon
die Kommunikation zwischen Kollegen, fast unmöglich gemacht haben.
Ausserdem wurdenApparate und Materialien überbracht. Austausch-Aufenthalte
von den dortigen Aerzten und vom Pflegepersonal ist im Gange. Vieles
ist noch zu tun. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist minimal,
kein Vergleich mit der Medizin, wie sie bei uns möglich ist und erwartet
wird. Medikamente müssen häufig aus eigener Tasche berappt werden,
auch das Verbandsmaterial, kaum auf irgendeinem Markt erhältlich.
Eine eigentliche Präventivmedizin existiert nicht. Doch das Wissen
und das Interesse sind vorhanden. Vor Ort arbeiten wir mit äusserst
klugen und willigen Kollegen zusammen. Die Ausbildung (an der Universität
von Belgrad) ist offensichtlich gut, es mangelt hingegen an allem
in diesem notdürftig eingerichteten Spital, das früher als Militärkaserne
gedient hatte. |
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Es wurde bereits in andern Uebersichtsartikel aufgelistet,
wieviel erreicht worden ist in diesen zwei Jahren und was weiter geplant
ist. Unsere Mittel sind beschränkt, doch ist der Aufwand fast umgekehrt
proportional zum Effekt. Mit z.Bsp. pragmatischen Verbesserungen wie
dem Einbau einer Wäscherei im Spital, oder der Sanierung der Heizungsanlage
durch unsere Intitiative, plus kontrollierter und beschränkter injection
de finances erreichen wir Wunder und dies relativ zügig. Vieles steht
noch aus und häufig harzt es auch, weil interne Querelen bestehen
doch wird im allgemeinen eine brauchbare und nicht komplizierte Lösung
angestrebt. |
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Sicher gilt auch hier: Hilfe ist immer dann sinnvoll,
wenn sie an den Ort der Not geleistet wird. |
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Doch scheint mir noch ein weiterer Aspekt erwähnenswert:
zwei Flugstunden von Zürich weg gibt es eine Welt, vielleicht eine
„vierte“ Welt. Kaum fühlt man geographische Grenzen, doch die mentalen
Grenzen sind spürbar. Diese vierte Welt gehört zu Europa und die dortigen
Menschen leiden noch immer grosse Not, gerade im medizinischen Bereich.
Ihre Not kann mit relativ geringen Mittel und mit Phantasie und gutem
Wille gelindert werden. Mit Verbesserung der medizinischen Versorgung
verändert schlagartig die Lebensqualität der Menschen. Und hier könnten
soziologische Ueberlegungen angestellt werden bezüglich Zusammenhängen
zwischen Wohlbefinden und Friedensbereitschaft. |
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Unsere dortigen Kollegen, haben uns oftmals beeindruckt
durch ihre Sensibilität, ihren Willen und durch ihr Durchhaltevermögen.
Es sind dies Kollegen, die Verantwortung übernehmen, die ihren Ort,
ihr Land nicht verlassen, wissend, wie sehr sie gebraucht werden.
Ihnen möchten wir helfen und deshalb machen wir weiter. Es lohnt sich
für Prijepolie und für uns, damit wir nicht plötzlich (wieder) zu
Schweizer werden leicht daneben „im Herzen Europas“, aber Schweizer
im „Geiste Europas“. Wir können viel lernen bei diesen Einsätzen. |
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Unterstützen Sie uns dabei! |
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Basler Förderverein für Medizinische
Zusammenarbeit, Postfach, 4005 Basel |
Heidi
Wolf Pagani |
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