BaZ Ausgabe
1999-257 vom 03.11.1999 Ressort: Basel-Stadt Seite 37
Lettland:
Gesundheitspflege trotz harter
Wirtschaftslage
Mit knappsten Mitteln
ringen Lettlands Gesundheitsdienste um die medizinischen
Standards westeuropäischer Sozialstaaten. Erschwert
wird ihre Arbeit durch den Zerfall von Teilen der
Wirtschaft und durch die Folgen der Russlandkrise. Seit
sieben Jahren steht ihnen der Basler Förderverein
för medizinische Zusammenarbeit bei, soeben mit
seinem vierten Seminar im Kreisspital von Talsi. Die
wachsenden sozialen Gegensätze wurden zur akuten
Bedrohung für alle sozialen Dienste. "Wie viel hat
sich doch hier in den vergangenen zwei Jahren
verändert", sagte der Basler Orthopäde Andreas
Stähelin beim Betreten des Operationssaals im
Kreisspital von Talsi. Vor allem das
Anaesthesiegerät, aber auch viele weitere Apparate
waren neu. Die frisch gestrichenen Wände wirkten
hell und freundlich. Bei der späteren Nutzung der
Operationsgeräte runzelte Andreas Stähelin hin
und wieder seine Stirne. Nicht alles war in der von ihm
verlangten Grösse vorhanden. "Es geht auch so",
sagte der Operationspraktiker dann beschwichtigend.
Andreas Stähelin liess vor allem seine lettischen
Kollegen, unter anderem Ives Lurins und Ayvars Lacarus,
zeitweise auch Chefarzt Maris Stalts operieren,
unterstützt von der lettischen Anaesthesistin Laima
Gebauere, der Liestaler Krankenschwester Claudia Probst
sowie von mehreren lettischen Schwestern. Er stand ihnen
mit seinen Ratschlägen, seinen Kenntnissen und auch
mit einigen von ihm entwickelten Operationsgeräten
zur Seite. Im grossen, jetzt hellen Operationssaal wurde
er während der Seminarwoche im September
abgelöst vom Chirurgen des Basler Kantonsspitals,
Thomas Kocher, und von Nenad Pavic, Gynäkologe mit
Privatpraxis in Basel.
Von Jürg
Meyer
Operieren am
Bildschirm
Zentrales Thema waren
in diesem Jahr Chancen und Grenzen der laparoskopischen
Operationsmethode, das heisst der Operationsführung
durch den Bildschirm. Wie Indulis Romanovs,
Verwaltungsdirektor, dazu ausführte, gehört
dies neben der Diabetologie und dem Aufbau eines
Blutspendedienstes zu den Schwerpunkten des Kreisspitals
von Talsi mit 140 Plätzen. In diesen drei Bereichen
solle jetzt prioritär die Zertifizierung durch das
lettische Gesundheitsministerium erfolgen. Diese wird
allen überlebenswilligen Spitälern zur
Durchsetzung eines europäischen Standards
abverlangt. Gleichzeitig steht eine Aufgabenteilung
zwischen Spitäern in Aussicht. Mit der Laparoskopie
könnten die Operationswunden klein gehalten werden,
erklärte ergänzend die lettische Ärztin
Valde Stalts. Die Operationszeiten, die Schmerzen und die
Hospitalisationszeit könnten verringert werden.
Besonders für Spitäler mit knappen Mitteln gebe
es auch Kehrseiten, wandte Nenad Pavic ein. Der Aufwand
an Apparaten und vor allem an Wegwerfmaterial sei
bedeutend grösser. Eine wesentliche Aufgabe des
Seminars sei die Abklärung mit den lettischen
Fachleuten, in welchen Bereichen die Laparoskopie
sinnvoll und notwendig sei. Nicht nur die Pflicht zur
Zertifizierung der überlebenswilligen Spitäler
begründet heute den leidenschaftlichen Willen,
europäische Standards der Gesundheitspflege zu
gewährleisten.
Tatsächlich
zeigte sich unter den Ärztinnen, Ärzten und
Pflegepersonen eine hohe Arbeitsmotivation. Das Seminar
führte Fachpersonen aus allen Teilen Lettlands
zusammen. Noch mehr als in den Vorläuferseminaren
der Jahre 1993, 1995, 1997 waren es jetzt lettische
Fachleute, welche Themen festlegten und mit
Fachreferaten, Beiträgen zu Fallbesprechungen und in
der gemeinsamen Arbeit mitbestimmend waren. Grosse Teile
des Seminars galten unter Mitwirkung von Claudia Probst
und Eberhard Assenbaum der Pflege. Auch heute noch hat
sich diese gegenüber der zentralen Macht der
Äzteschaft durchzusetzen. Nach wie vor gleicht in
den engen, eher dunklen Sechserzimmern die Pflege einem
aufreibenden Hürdenlauf, erschwert durch
persönliche Existenzsorgen der Pflegepersonen mit
ihren geringen Löhnen von monatlich etwa 60 Lats
(ca. 160 Franken). Nicht verwunderlich war es da, dass
die von Claudia Probst angebotenen
Entspannungsübungen, in der Schweiz erprobt in den
oft zermürbenden neuen Leistungserfassungssystemen
der Spitäler, eine besondere Nachfrage fanden. Auf
Interesse stiessen auch Themen lettischer Fachpersonen
wie "die Rechte der Patienten",
"Ernährungsberatung", "der depressive Patient",
"Hygiene im Pflegealltag". Einige weitere Schwerpunkte
betrafen Diabetes mit den schweizerischen Professoren
Willi Berger und Helmut Gerber, Probleme der
Antibiotika-Resistenz mit dem Internisten Thomas Renz,
Innere Medizin mit Erich Köhler vom Kantonsspital
Liestal, Geburtshilfe und Gynäkologie mit Nenad
Pavic, der Kinderärztin Jody Stähelin, dem
Radiologieprofessor Christian Fliegel.
Vor allem von
lettischen Fachleuten wie der Oberschwester Ingrida
Kalnina und der Kinderärztin Maira Snikere kamen die
Hinweise, dass bei den oft nicht überschrittenen
Mindestlöhnen von 50 Lats und beim Bedarf vieler
Menschen nach Zusatzverdiensten die Gesundheitspflege
durch die harten Lebensbedingungen in Frage gestellt
wird. Dies gelte unter anderem auch für die
Diabetes-Therapie, welche von den Patienten ein hohes
Mass an Eigenbetreuung unter kompetenter Anleitung
verlangt. Wie aus mehreren Referaten hervorging, wurde
auch in Lettland das Thema Aids über viele Jahre
hinweg unterschätzt. Jetzt wächst der Wille,
dessen reale Dimensionen wahrzunehmen. Auf grosse
Nachfrage stiessen trotz der hohen Kosten die
Aids-Kombinationstherapien.
Sieben Jahre
Zusammenarbeit
Viele der mitwirkenden
Ärzte, Ärztinnen und Pflegepersonen, vor allem
Hansruedi Banderet, das Ärztehepaar Andreas und Jody
Stähelin, Thomas Renz, Erich Köhler und die
Krankenschwester Claudia Probst prägten seit 1992 im
Rahmen des "Basler Fördervereins für
medizinische Zusammenarbeit" die Partnerschaft mit dem
Kreisspital Talsi. Sie trugen Verantwortung für die
Seminare, für die Entsendung von Fachleuten,
für das Anbieten von Praktikas in schweizerischen
Spitälern, für Lieferungen von Medikamenten,
Arbeitsgeräten und Fachliteratur. Sie motivierten
den Kanton Basel-Stadt zu Unterstützungsleistungen
von insgesamt 50'000 Franken für die Erneuerung der
Spitaleinrichtungen und von 56'000 Franken für den
inzwischen erfolgten Ersatz des altersschwachen
früheren Röntgenapparats.